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Muministischer Rundbrief Juli 2011

Date: Sun, 31 Jul 2011 22:57:48 +0200

Liebe Muministinnen und Muministen, wo Ihr auch gerade weilt,

nur kurz will ich Eure Sommerfrische stören mit einer nur einkapiteligen Zwischendurchnummer des Muministischen Rundbriefs, und danach selbst wieder den Freuden der warmen Jahreszeit frönen (auch wenn man sich dieses Mal dazu außer Landes zu begeben hat).

Die Mutter der Künstlerin

Auf dem Wege meiner Annäherung an Tove Janssons Werk, die dahinter stehenden Schöpfungsprozesse und die aus alledem zu ziehenden Lehren ergatterte ich jüngst ein Buch über ihre Mutter Signe Hammarsten-Jansson (1882-1970), genannt Ham, das der kunstverständige Erik Kruskopf 1994 bei Schildts in Helsinki veröffentlichte. Schon lange hatte ich diese Monografie gesucht, denn ich war in meiner Aufarbeitung an einem Punkt, wo ich weiterführende Informationen über die sehr starke Muttergestalt in Tove Janssons Leben benötigte.

Hams Leben begann als Pastorentochter, allerdings nicht von der braven Sorte: sie wurde »Pastors Wildfang« genannt, übte sich im Reiten und Schießen und verbrachte jede freie Minute (auch bei Schnee) draußen. Als junge Kunstlehrerin nicht völlig ausgelastet, wurde sie gegen gesellschaftliche Widerstände Mitgründerin der schwedischen Mädchenpfadfinderbewegung. 1913 heiratete sie den finnlandschwedischen Bildhauer Viktor Jansson, den sie in Studienjahren in Paris kennengelernt hatte, und übersiedelte nach Finnland. Dort war sie eine in zweiter Reihe hinter ihrem Mann stehende Künstlersgattin, brachte aber eigentlich immer die verlässlicheren Einkünfte in den Haushalt – zunächst als zunehmend gefragte, treffsichere Karikaturistin von Personen des Tagesgeschehens, dann auch als fleißige Buchillustratorin. Schließlich arbeitete sie auch für die Staatsdruckerei und entwarf neben vielem anderen durch Jahrzehnte die meisten finnischen Briefmarken, darunter auch die milliardenfach gedruckte Dauerserie mit dem Wappenlöwen.

Das bemerkenswerteste Detail des Jahres 1914 scheint mir, dass Ham ihrer neu geborenen Tochter 2-3 Monate lang keinen Namen gab. Erst sprach und schrieb sie nur von dem »Klonten« (in etwa »Klotz, Klumpen, schweres Ding«), bis sich der Name »Tove« zögerlich und zunächst nur in Anführungszeichen einschlich.

Aber dann wurde das Mutter-Tochter-Verhältnis sehr eng und einflussgesättigt, wovon zahlreiche biographische Details zeugen. So riet Ham Tove, in dieselbe Kunsthochschule in Stockholm zu gehen, die sie selbst besucht hatte, wie es dann auch kam. Auch Aufträge schusterte die Mutter der Tochter zu: Postkarten, Buchumschläge, ganze Geschichtenillustrationen nach dem von Ham entwickelten Muster (großes Anfangsbild mit kalligraphischem Titel, Zwischenbilder, Schlussvignette), Schulbücher und die langjährige Mitarbeit an der Satirezeitschrift Garm, die Tove bis zu deren Ende 1953 fortführte.

Ham entwickelte sich in ihrem eigenen Zeichnen weg von der konkreten, abbildenden Illustration hin zur symbolisierenden, zusammenfassenden, stimmungsauslotenden Vignette, was Tove ihrerseits bis in die Mumin-Bücher hinein nachvollzog.

Ein kleiner Hinweis, dass es auch anders herum laufen konnte, könnte sein, dass von Ham Arbeiten in Scraperboard-Technik (weiße Linien in schwarz beschichtetem Karton) von ca. 1960 erhalten sind, wie Tove sie im »Winter im Mumintal« 1957 eingesetzt hatte.

Bis ins Alter ging Signe Hammarsten-Jansson selbstverständlich bei ihren Kindern ein und aus und verbrachte lange Sommerwochen mit ihnen auf ihren jeweiligen Inseln. Als sie 1970 starb, erschien auch das letzte Muminbuch – die Muminmutter existierte nicht mehr, das Mumintal wurde geschlossen... Bei aller Vorsicht, die reale Mutter der Autorin Tove Jansson mit der prominenten Muttergestalt in ihren eigenen Geschichten gleichzusetzen, erklären sich aus Hams Leben und Charakter doch etliche Motive, die sich in den Mumin-Büchern wiederfinden. Hier nur eine Auswahl:

In ihren späteren Erwachsenenbüchern nähert sich Tove Jansson immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Mutter und dem sich stetig wandelnden Verhältnis zu ihr an. Während die Schilderungen in »Die Tochter des Bildhauers« (1968) den Anschein ungeschminkter Realitätsdarstellung erwecken, ist eine literarische Variante Hams im »Sommerbuch« (1972) sogar Hauptfigur; ansonsten geht es auch schon mal um die Last einer alternden Mutter, um deren willen man nicht so gern auf längere Reisen geht (»Rent Spel«, 1989) oder gar um die Protokollierung ihres letzten Lebenstages (»Lyssnerskan«, 1971). Und wer weiß, wie viele weitere von Toves Kurzgeschichten zum Thema »Altern« ihre Wurzeln in der Beziehung zu Ham haben? Andererseits ist Toves Werk auch stets ein gutes Stück weit verschlüsselt und transzendiert, eine 1:1-Übernahme von Motiven der Realwelt kaum jemals sicher zu bestimmen...

Das war nun etwas länger zu Tove Janssons Mutter; ein Buch über ihren Vater habe ich kürzlich auch gefunden, also mal sehen. Ich hoffe, durch solche Betrachtungen darin weiter zu kommen, das Zustandekommen des uns alle so faszinierenden Mumin-Kosmos besser zu verstehen und das Verhältnis von Leben und kreativem Ausdruck immer mehr allgemeingültig zu beleuchten.

Bis zum nächsten Mal grüßt
  Christian / Zépé

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