Wed, 9 Apr 2025 15:05:59 +0200
Lieber Rundbrief,
hier noch nachgeliefert meine besten Wünsche zum neuen Jahr, so weit war ich ja noch gar nicht gediehen. Hier einige Neuigkeiten aus der Mumin- und Tove-Jansson-Betrachtung, zwischen einigermaßen abgehangen und brandaktuell.
Der Verlag Urachhaus hat im Herbst eine der letzten für die deutschsprachige Leserschaft noch bestehenden Lücken in Tove Janssons literarischem Werk geschlossen und den Roman »Der Steinacker« herausgebracht. Dieser ist nicht nur relativ kurz (94½ Seiten), sondern auch einer der nur drei linear-durchgängigen Erwachsenen-Romane der Verfasserin. Es geht um den frisch pensionierten Zeitungsredakteur Jonas, der sich mit einem Schreibauftrag, der Wiederannäherung an seine beiden Töchter und nicht zuletzt auch mit sich selbst abmüht. Dabei ist der Blick in die Innenwelt der Figuren, wie bei Tove Jansson üblich, sehr feinnervig und wesentlich wichtiger als die eher kargen äußeren Geschehnisse.
Eine genauere Inhaltsangabe gibt es natürlich im Virtuellen Muminforschungszentrum:
https://www.zepe.de/mumin/e84.php
Und auch der von mir im Rundbrief schon einmal gelobte YouTube-Kanal »Leseschatz-TV« hat eine Besprechung angefertigt:
https://www.youtube.com/watch?v=RoThvG8NHm4
Mir hat ein sehr besonderer literarischer Kunstgriff, der nur in einem Kapitel angewandt wird und den ich hier nicht »spoilern« (verraten) will, eine der vielleicht größten Gänsehäute meiner Lesebiografie eingebracht. Das Buch ist sehr existenziell und daher in meinen Augen unbedingt relevant, daher hier meine ausdrückliche Leseempfehlung!
Tove Jansson
Der Steinacker
Verlag Urachhaus
ISBN 978-3-8251-5340-3
ca. 240 Seiten
22 €
Seit langem erwartet, ist eine neue Verfilmung des »Sommerbuchs« von Tove Jansson, diesem lebensweisen Kammerspiel von Großmutter und Enkelin auf einer sommerlichen Insel, auf die Leinwand übertragen worden. Die weltberühmte Glenn Close spielt die Großmutter, von daher ist ein kräftiges Zugpferd am Start. Premiere war im Oktober letzten Jahres auf dem »London Film Festival«, und seit Januar läuft der Film in den finnischen Kinos. Wie es mit der Verbreitung weitergeht? Offenbar wird erst einmal das Potential auf weiteren Filmfestivals ausgelotet, und das endet ja nicht selten damit, dass die deutschsprachigen Kinos lange oder auch ewig warten können, bis sie an der Reihe sind. Ich habe bisher keine Informationen gefunden, ob wenigstens ein Festival im deutschen Sprachraum plant, den Film zu zeigen, und auch bei den fleißig-engagierten Programmkinos scheint noch gar nichts vorgesehen zu sein.
Der offizielle Trailer verrät jedenfalls eine große optische Nähe zu alten Janssonschen Familienfotos, auf der anderen Seite eine wesentlich größere Sichtbarkeit der Figur des Vaters als im Buch:
https://www.youtube.com/watch?v=Wzn7SAIXBkA
Eine weitere kleine Szene hat das Filmfest Stockholm ins Internet gezaubert:
https://www.youtube.com/watch?v=m4Nns6Fe1bE
Bis man den Film vielleicht doch als Ganzes zu sehen bekommt, kann man ja zum Äußersten greifen und das »Sommerbuch« mal wieder in Papierform lesen, es ist ja ganz zauberhaft und unendlich klug – und dabei darüber nachdenken, ob es sich überhaupt adäquat verfilmen lässt...
Nicht schlecht staunte ich, als eine Bekannte mich vor ein paar Tagen benachrichtigte, dass es in meiner eigenen Heimatstadt Bremen ein neues Mumin-Wandbild geben würde. Ihrer Ortsbeschreibung folgend begab ich mich ins Ostertorviertel, wo traditionell eine gutteils links-alternative Bevölkerung wohnt, das aber auch unter Drogenhandel sowie an Bundesliga-Spieltagen durchziehenden Fußballfan-Kolonnen ächzt. Und tatsächlich: An der Fassade eines altehrwürdigen Hauses hüpfen zu beiden Seiten eines Slogans Mumin und Snorkfräulein wimpelschwenkend und halstuchtragend ins Bild, grafisch gut gelungen, siehe angehängte Fotografie.
Ich musste mich dann erst schlau machen: Die Flaggen gehören zu einer Weltanschauung namens »Anarchosyndikalismus«, die weit in Richtung linkem Rand des politischen Spektrums zu verorten ist und vor 100 Jahren durchaus nicht ungängig war, bevor dann alles anders kam. Von daher scheint die Interpretation von Text und Bild nicht allzu schwierig. Schrieb ich oben von »meiner eigenen Heimatstadt«? Ich probiere gerade in meinem Geiste das Wort »Zuhausestadt« aus...
Dass Comicfiguren immer mal wieder für die Bebilderung politischer Aussagen (wahrscheinlich oft ohne Rückfrage bei den Rechteinhabern) herangezogen werden, ist ja ein bekanntes Phänomen (in derselben Straße gibt es z. B. auch ein Ernie-und-Bert-Graffito und ein Spiderman-Wandbild). Die Mumins mit ihrer bekannten »leben und leben lassen«-Einstellung, ihrer wohlwollenden Neugier genüber dem/den Fremden und selbst des öfteren von Heimat-/Zuhause-Verlust betroffen, scheinen mir hier durchaus eine passende Wahl. Tove Jansson selbst in ihren jungen Erwachsenenjahren verkehrte bekanntlich selbst in den linkeren Kreisen, sehr zum Groll ihres deutschfreundlichen Vaters.
Lässt sich denn überhaupt bestimmen, wo die Mumins politisch-weltanschaulich stehen? Wahrscheinlich sind sie da ähnlich wie ich leicht unterbelichtet und machen sich nicht so einen Kopf – in ihrer Welt ist das ja auch nicht so nötig, schließlich entstand sie als Alternative zur Realität. Man kann durchaus Tove Janssons familiären Hintergrund merken, der zugleich durch traditionelle Bildungsbürgerlichkeit wie auch künstlerische Bohème geprägt war, aber festmachen lässt es sich wohl am besten an den bereits genannten Eigenschaften und Verhaltensweisen unserer Lieblingstrolle. Aus Comic-Episode Nr. 8 »Mumins neues Leben«, wo zwei einander entgegengesetzte Propheten die Talbewohner auf ihre jeweilige radikale Lebensphilosophie einzuschwören versuchen, stammt Muminmamas schöner Satz: »Eure Lehren sind ja schön und gut, aber für normale Leute leider etwas unpraktisch.«
Wie man so liest, hätte der Anarchosyndikalismus lieber Revolution sofort und hat auch Sabotage im denkbaren Handlungsrepertoire... Wie ich die Mumins kenne, würden sie dann doch andere, charmante und humorvolle Lösungen finden – es ist doch von Vorteil, wenn man nicht in der Echtwelt lebt. Welche politischen und gesellschaftlichen Linien die Mumins *nicht* verkörpern, dürfte aber auf jeden Fall klar sichtbar sein.
Dann wünsche ich erst einmal allseits einen schönen Frühling!
Bis zum nächsten Mal grüßt
Zépé
vom Virtuellen Muminforschungszentrum
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